Auf Wiedersehen!
Liebe Menschen aus meinem Umfeld,
meine Zeit im Ruhrgebiet und in Essen nähert sich einem Ende! Am 18.07.2022 ziehe ich um nach Gries in Oberfranken.
Ich blicke voller Dankbarkeit zurück auf sechs schöne Jahre in Essen. Im September 2016 kamen mein Mitbruder Ludger Hillebrand SJ und ich in Essen an. Wir bauten das Abuna-Frans-Haus für Geflüchtete auf. Großartige Unterstützung bekamen wir vom Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, vom Pfarrer, Ludger Blasius, und dem Pastoralteam in St. Antonius, von der Gemeinde St. Elisabeth, sowie von vielen einzelnen. Ein grosses Danke dafür! Dies hat uns sehr vieles ermöglicht und erleichtert. In diesen sechs Jahren konnten wir über 30 Männer beherbergen, aus Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten und der Ukraine. Vieles war schön und bereichernd; es gab unheimlich viel zu übersetzen (sprachlich, kulturell, persönlich, fachlich, strukturell); Missverständnisse, Überraschungen, Anliegen säumten den Weg. Vieles liess sich lösen. Was Integration und Teilhabe bedeuten, war in seiner ganzen Komplexität zu spüren. WG Fragen blieben dauerhaft präsent. Es gibt verschiedene Vorstellungen von Sauberkeit, Pünktlichkeit, Bedeutung von Dokumenten u.v.a.m. Vieles gelang uns, aber von manchen Mitbewohnern mussten wir uns auch trennen. Einer wollte nicht dauerhaft mit Muslimen im Haus leben, ein anderer konnte nicht akzeptieren wöchentlich ein Mal die Küche zu putzen.
Gott ist – trotzdem – groß – das erlebten wir immer wieder!
Das Abuna-Frans-Haus war eine tolle Erfahrung!
Die Beteiligung in der Pfarrei und der Gemeinde war fruchtbar. Der Beichtdienst am Dom war konstant, wurde aber sehr unterschiedlich genutzt. Corona machte Striche durch viele Pläne.
Der IRE (Initiativkreis Religionen in Essen) gehört zu den großartigen Projekten meiner Zeit in Essen. Erstmalig erlebte ich ein solches Gremium. Ganz vieles gelang, viel Menschliches galt es zu bestehen, manch politisches Thema konnte umgangen werden, im Dienst an den größeren Aufgaben. Prioritäten sind wichtig im interreligiösen Dialog, es geht nicht immer alles auf einmal. Die politischen Verhältnisse in vielen muslimischen Ländern sind nun mal schwierig, da macht es nur sehr selten Sinn, dies zu thematisieren. Pluralität auszuhalten bleibt eine Herausforderung. Ich habe vieles kennengelernt und erlebt, was ich schätze. Dankbar blicke ich darauf zurück. Seit vielen Jahren freut es mich, in einer Freikirche Exerzitien geben zu können. Eine andere Freikirche begleite ich als Coach in ihren Gruppenprozessen. Neben dieser Arbeit mit Geschwisterkirchen traten zunehmend mehr interreligiöse Versuche. Es war schön zu sehen, was alles möglich ist, wenn man es eben will und versucht. Grenzen sind immer irgendwie da, aber es liegt an uns, wie viel Gewicht wir ihnen geben.
Viele schöne Kontakte wurden mir geschenkt: im IRE, in der Gemeinde, in der Pfarrei, im Bistum, auf Stadtkirchenebene (vor allem rund um die Citypastoral). Ebenfalls auf der Ebene der Geistlichen Begleitung. „Wie finden wir Wege zu Gott,“ blieb ein verbindendes Thema über die Sektoren hinweg. Meine digitalen Unternehmungen (Messen, Bibliologe, Begleitgespräche) waren vielfältig. Die Pandemie bewirkte kreative Versuche. Sehr viel wurde möglich, auch an Teamsitzungen, Fortbildungen, Konferenzen, „Gemütlichen Abenden am Bildschirm“ und anderem. Die Exerzitien auf der Straße liefen dauerhaft mit, diese spirituellen Abenteuer in ganz anderen Zusammenhängen begleiten mich schon lange. Das erinnert an ein Experimentallabor des Heiligen Geistes.
Eine schöne intensive Erfahrung war die Vergrößerung unserer Kommunität. Waren wir die ersten Jahre nur zu zweit (ein super Team!), kam im März 2021 Courage dazu, ein Mitbruder aus Zimbabwe. Damit wurden wir eine richtige Kommunität. Zu dritt zu sein, entspannte die Situation erheblich. Aufgaben wurden besser verteilt, ich sah mehr Möglichkeiten zu Workshops, Seminaren und Kursen, soweit das in der Pandemie möglich wurde.
2021 kam auch die Anfrage meines Provinzials, ob ich für eine neue Aufgabe zur Verfügung stünde. Unser Exerzitienhaus in Gries/Oberfranken brauchte eine neue Leitung. Der Übergabeprozess wurde holprig, umständlich und schwer. Nicht umsonst musste das Haus, das ich übernehme, zunächst geschlossen werden, da die bisherige Hausleitung anfangs andere Perspektiven in Aussicht stellte, als dann später umgesetzt wurden.
Und so packe ich nun meine Sachen, um im Juli Adieu zu sagen zu Essen.
Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Einerseits freue ich mich auf das, was kommt: Gries ist ein schönes Haus des Gebets, ein tolles Unterfangen an Kontemplation, eine spannende Aufgabe an Geistlicher Begleitung, an Organisation.
Andererseits weiss ich, wen ich alles zurücklasse: viele gute Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind, mit denen ich vieles unternehmen konnte; Flüchtlinge, mit denen ich zusammenlebte, in vielen schönen und in manch anderen Stunden auch; Kollegen und Kolleginnen in guter und sehr guter Zusammenarbeit; Freunde und Freundinnen, die als Wegbegleiter vieles geteilt haben.
Am 03. Juli feiere ich meine Abschiedsmesse in St. Elisabeth, Frohnhausen. Um 11.15 Uhr zelebrieren meine Mitbrüder mit mir eine Messe, zu der ich sehr gern einlade! Wenn jemand ein paar kurze Worte anfügen möchte, kann er/sie sich gern bei Ludger Hillebrand SJ melden (ludger.hillebrand@jesuiten.org). Dauer einer Bemerkung: 1 Minute. Danach lade ich ein zu einem Glas Sekt vor der Kirche. Ich freue mich, wenn ihr dabei sein könnt!
Gesegnete Zeit!
mit herzlichem Gruss,
Lutz Müller SJ

